Es war am Kirchhof Pere Lachaise

Es war am Kirchhof Pere Lachaise
Viertletzter Tag im Monat Mai
Da fiel der letzte Kämpfertrupp
Zermalmt von Feuer, Stahl and Blei
Der letzte stolze Kämpfertrupp
Der jenen Horden widerstand
Die MacMahon, der Ordnungsheld
Bluthunden gleich aufs Volk gesandt

Und als verknallt, verhallt nun war
Der Flinten Lärm, der Wut Geschrei
Und als der Gräberhof gemach
Vom Siegerschwarm geworden frei
Da hörte man von weitem noch
Die langen öden Straßen lang
Stets dumpfer, ferner, sterbender
Der Bataillone schweren Gang

Und nun ist’s still. Am Platze blieb
Nur der Gefallnen bleiche Schar
Da richtet langsam sich empor
Ein blutbeströmter Kommunard
Der in der Leichen dichter Saat
Verborgen blieb dem Mörderstahl
Und der sich nun gerettet sieht
Gerettet — zu erneuter Qual

Er läßt den Plan hinab, hinan
Die irren Blicke suchend gehn
Ob nicht ein Posten lauernd harrt
Um fernre Opfer auszuspähn
Doch, da er nirgends merkt Gefahr
So senkt das Haupt er in die Hand
Und gibt sich ganz dem Harme hin
Und flüstert kummerübermannt:

O Franzia, weise Herrscherin
Du hast es alles wohl bedacht
Zu deiner Kinder Sterbestatt
Den schönsten Hag zurechtgemacht;
Als Zeugen für dies Weltgesetz
Starrn sie uns neuste grinsend an:
Hier Sieyes, der kluge Konstituant
David, St. Simon, Mann fur Mann

Hier Balzac, der dem Modetrug
So einzig scharf ins Auge sah,
Hier Moliere, der den Harm verlacht
Und hier der Schwärmer Delacroix.
Und daB dem Tragischen nicht fehlt
Brutaler Komik frecher Hohn,
Hier wartet schon ein leeres Grab
Auf Monsieur Thiers und Fraulein Dosne

Doch still, ihr Schatten, grau und kalt
Denn ihr begreift nicht unsern Schmerz
Solch Blut wie jetzt eur Grab beträuft
Erwärmte euer keines Herz.
Nein, keinen gab es unter euch
Der solch ein Heil im Busen trug
Ein Hoffen ohne Wahngebild
Ein Eden ohne Pfaffentrug

Das waren Männer echter Art
Das waren Helden reinster Kraft
Die eure Male rot gefärbt
Mit ihrem teuren Lebenssaft
Ihr werten Namen: Delescluze
Varlin, Dombrowski und Flourens
Nein, eurem Fall versöhnt uns nicht
Der allgemeine Todesbann.

Und Frauen auch! Manch Mütterlein
Das ihrem Kind die Kugel bot;
Manch Mädchen, das den Bruder nicht
Verlassen in der letzten Not;
Manch Weib, das glühend dem Gemahl
Sich heut gesellt wie einst als Braut;
Manch stolze Schönheit, die sich schon
Als Göttin der Vernunft geschaut

Sie alle, alle hingestreckt,
Zermalmt vom Feuer, Stahl und Blei
Zerfleischt vom Zuavensäbelhieb
Nicht leichten Kaufs der Schande frei
Und wie ein roter Nebel steigt
Empor die blutig dunst’ge Luft
Und bis zur Normandie entqualmt
Der schwere graue Pulverduft

Nun freue dich und fei’r ein Fest,
Du tigerhafte Tiernatur,
Die in des Menschen Seele schläft
Und schläft in leichtem Schlummer nur.
Schon wartet auf dein Königswort
Der zweigebeinten Affen Chor
So sprich zu ihm mit Majestät —
Gehorsam spitzt sich jedes Ohr —

„Beschimpft, verleumdet und entehrt
Der überwundnen schnöde Brut;
Erwürgt, was noch zu zucken wagt,
Und die Verwesung löscht mit Glut
Bespritzt sie mit Petroleum
Und achtet’s nicht für Wichtigkeit,
Wenn Todesschmerz Ohnmächt’ge weckt,
Wenn mancher noch im Brennen schreit!”

Ja, ignis sanat omnia
Wie uns die Alten schon gelehrt,
Ein saubrer Besen ist die Glut,
Der hübsch und schmuck die Straßen kehrt —
Und auch die Geister! Sagt das Volk
Doch: aus den Augen, aus dem Sinn!
Vernichtet nur eur Liebstes ganz
Und eure Liebe fährt dahin

Gedächtnis! Traun, es ist ein Tor
Wer auf der Freunde Treue baut
Wer ignoriert den Riesenschwamm
Der alles tilgt, worauf man baut
Vergessen, ja vergessen wird
In kurzer Frist der ganze Streit
Selbst Wut und Wehmut wischt sie fort
Die Allbetäuberin, die Zeit

Es ist, als wäre nichts geschehn:
Der Himmel leuchtet blau und blank
In Wald und Au ertönt wie sonst
Der Nachtigallen Morgensang
Träg schleppt und dumpf das Volk sich fort
Von Tag zu Tag mit trübem Sinn,
Und dumm und grau und kahl und kalt
Fließt nach wie vor das Leben hin

II

Und fiinf der Jahre sind entflohn.
Der unter Leichen so geklagt
Der in des Todes Rosenhag
Am Kampf der Zukunft so verzagt
Er steht gerettet, doch verbannt
Auf Englands Strand und blickt aufs Meer
Gen Süd und murmelt in den Wind
Der grüßend haucht von Frankreich her

„Ich hatte Unrecht. Nicht versank
Der Menschheit Geist in Kirchhofsruh
Wie sich im ersten Morgengraun
Die Lerche schwingt der Sonne zu,
So steigt aus dieser Zeiten Nacht
Der Sehnsuchtswunsch, der Tatenschluß
Von Millionen zukunftswärts
Und bringt der Sonne seinen Gruß

Noch ist es Nacht. Von Land zu Land
Herrscht finstrer Geister Zauberkraft:
Wer zu des Lichtes Fahne schwört
Der wird gehetzt, den trifft die Haft.
Es schallt ein leiser Klagelaut
Von Baladeas Felsen her,
Der in vieltausend Brüsten weckt
Ein Echo grimmig, dumpf und schwer

Doch nichts vergaß und nichts verlor
Des treuen Volkes starkes Herz;
Verschwiegen birgt es seinen Zorn
In herbem Lächeln, bitterm Scherz
Gelassen schafft es fort und fort
Am Tagewerke sonder Rast
Geduldig trügt es, wie vorher
Des angeerbten Elends Last

Doch jeder Seufzer, den’s erstickt
Und jeder Zornlaut, den es bannt
Der sinkt ins Innre heiß zurück
Und mehrt den stillen Kohlenbrand,
Den glutgeheimen Grollvulkan
Auf seiner Seele warmstem Herd,
Den’s unterm Schein der Trägheit birgt,
Den’s Tag fur Tag mit Andacht nährt.

Und das Gedenken unsres Tuns
Und das Gedenken unsrer Pein,
Es ist das heilige Symbol,
Um das sich ernst die Scharen reihn
Wo rechten Tons die Stimme klingt
Wenn die Kommune wird genannt
Da braucht’s System nicht noch Programm
Weil Herz und Herz sich schon verstand

Wie einst das Kreuz von Golgatha
In altverfaulter Römerwelt
Als blutig Zeichen ward erhöht,
Drum sich die trotz’ge Schar gesellt
Der Männer, die, was wir erstrebt,
Von fern in trübem Bilde sahn
Und Siegesstärke draus geschopft,
Wenn auch gehemmt durch Trug und Wahn

So wird die Mordschlacht vor Paris
In dieser neuverfaulten Welt
Als blutig Zeichen nun erhöht
Drum sich die freud’ge Schar gesellt
Der Manner, die mit wackerm Sinn
Des Menschendaseins höchstes Los
Stets klarer, scharfer, fester sehn
Und sich ihm opfern rückhaltlos.

So wechseln Zeit und Sinnbild wohl,
Vertauscht sich unsres Wunsches Kleid,
Doch der lebend’ge Körper bleibt
In stets derselben Herrlichkeit:
Des freien Daseins Ideal,
Des Menschengeistes stolze Braut,
Um die er wirbt mit Schweiß und Blut,
Der er von Anfang sich getraut.

Solang sich Lieb und Liebe eint
Und neues Menschensehnen weckt
Solang in frischer Jugendbrust
Sich ‚caner Mut zum hochsten streckt
Solang wird dieses Wonnebild
Nach dem wir trachten unentwegt
Im Sonnenglanze lockend stehn
Solang ein Menschenherz noch schlagt.“

Johannes Wedde, 1876
(Zum Gedächtnis)

D: Poesie und Prosa ohne Musik | Lieder | 1876