Im Maimond einundsiebzig

PERE LACHAISE

Zur Erinnerung an die Pariser Maitage 1871

Im Maimond einundsiebzig war es der letzte Tag
Der Kirchhof Pere Lachaise von blut’ger Leichen lag
In langen, langen Reihen, hoch aufgeschichtet ließ
Verscharren man die Söhne des Volkes von Paris

Die Helden der Kommune, sie hatten ausgekämpft
Des heißen Blutes Wallen fur immer war gedämpft
Das Aug, das unerschrocken entgegensah dem Tod
Gebrochen starrt’s zum Himmel, so düster, blutig rot.

Die Ordnungsschergen schaffen ihr Werk gedankenlos
Sie graben scherzend, zechend das Grab, so tief, so groß
Das Grab, in das man bettet des Volkes Kraft und Zier
Was kümmert’s sie, sie werden ja gut bezahlt dafür

Da naht dem Leichenhaufen ein hohes ernstes Weib
In Trauer tief gehüllet hat sie den schlanken Leib
Mit ihren schwarzen Locken spielt leis der Maienwind
An ihrer Rechten führet ein Knäblein sie, ein Kind.

Der Söldner roh Gesindel erblickt das Weib erstaunt
„’s ist eine Petroleuse“, sich’s in die Ohren raunt
„Wir miissen fest sie nehmen“ — doch nur ein einzger Blick
Aus dieses Weibes Augen scheucht jeden schnell zurück

Sie mustert stumm der Toten unendlich lange Zahl
Auf ihrem Antlitz malen sich Seelenangst und Qual
Da plötzlich stürzt sie nieder, ein kurzer heller Schrei
Mit tränenvollen Augen der Knabe steht dabei

Wie ein Soldat im Gliede, gerade ausgestreckt
Da liegt er, den sie suchte, den jetzt ihr Leib bedeckt
Unzähl’ge heiße Küsse gibt sie dem blassen Mund
Der ewig jetzt geschlossen, so krampfhaft, todeswund

„O wie sind deine Locken beschmutzt und so von Blut!
Dein edles Haupt, das liebend an meiner Brust geruht
Sie haben es zerschlagen, durchstochen deine Brust
Die männliche, die treu mir im Leide wie in Lust.“

Zur Erde hingesunken in namenlosem Schmerz
Drückt sie die kalten Hände des Toten an ihr Herz
Doch als gestillt der Tränen strömender Perlenlauf
Steht langsam sich erhebend sie von dem Boden auf

Dann spricht sie zu dem Kinde in dumpfem, ernstem Ton:
„Er ist nun tot, der Vater, verstehst du, Raoul, mein Sohn
Dein Vater stand für Freiheit, für Gleichheit und für Recht
Darum hat ihn ermordet der feile Söldlingsknecht

Sind sie nun auch gestorben, die braven Helden dort
So wird doch niemals sterben das hohe heil’ge Wort:
Und wenn er auch in Ketten geboren immer sei
Der Mensch, er ist zur Freiheit geschaffen, er ist frei!

Komm Kind, leg deine Hände auf diese Wunden hier
Auf diese Heldenstirne, hier wollen schwören wir:
Wir wollen ewig bleiben der heil’gen Sache treu
Für die du starbst, o Vater, ohn Wankelmut und frei

Er wird sich einstens rächen, der schnöde feige Mord
Ihr Mörder in Versailles, vernehmet unser Wort:
Wenn von euch einst mit Abscheu die Weltgeschichte spricht,
Vergessen wird sie sicher dann ihre Braven nicht.

Leb wohl nun, lieber Vater, es soll dein treues Bild
Vor Augen stets uns schweben, so stark und doch so mild
Es soll als leuchtend Zeichen uns mahnen immerdar
Daß endlich Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit wird wahr.“

Sie knien beide nieder, die Mutter und das Kind
von heil’gen Wehmutsschauern sie tief ergriffen sind;
Zum letzten Male küssen jetzt sie den toten Mann
Verlassen still getröstet den großen Kirchhof dann

Verfasser unbekannt, 1875 ?
Pere Lachaise
Zur Erinnerung an die Pariser Maitage 1871
in Sturmvögel (1888)

D: Poesie und Prosa ohne Musik | Lieder | 1875