Die Kommune liegt am Boden (Delescluze)

Die Commune liegt am Boden, stirbt in einem Meer von Blut
Nur die letzte Barrikade zeugt von ihrem Heldenmut .
Von Verteidigern verlassen, gibt auch sie dem Feinde Bahn
Und der “Ordnung” blut’ge Massen stürmen gegen sie heran

Was erbebt ihr, Ordnungshelden ?  Was hemmt plötzlich euren Lauf ?
Standen dem enterbten Volke  neue Bataillone auf?
Ist es Reue, die euch hindert, die euch zu erröten drängt,
Weil ihr in die alte Knechtschaft eure Brüder habt gezwängt ?

Nein, so edle Regung hätte neben Knechtessinn nicht Raum !
Doch seltsamer Anblick ist es, der die Mordgier hält im Zaum
Auf der Barrikade plötzlich sehen einen Greis sie stehn
Und von da dem sichren Tode festen Schritts entgegengehn .

Das ist Delescluze. So löst er, was er jüngst gesprochen, ein :
“Daß man an der Freiheit Grabe sich dem Tode müsse weihn .”
Nicht das Leben will er tragen, seit der Menschheit Fahne sank,
Seit der letzten Freiheitskämpfer  Blut die gier’ge Erde trank

Neuer Mut belebt die Scharen, da nur einen Mann sie sehn ;
Zu den größten Taten sieht man kühn sie vorwärts gehn;
Auf den Waffenlosen heben die Gewehre sie voll Hohn –
Von fünf Kugel gut getroffen , fällt des Volkes treuer Sohn .

Ihr, die ihr nach Heldentaten stets die alte Zeit durchforscht,
Denen groß nur scheint und edel, was vermodert und vermorscht
Laßt den blöden Sinn doch fahren, der so gern die Wahrheit flieht :
Hier ist mehr als Marcus Cato , hier ist mehr als Winkelried !

Delescluze ! Der Geist der Menschheit, dem du fielst ein Opfer, wacht !
Delescluze, die Deinen schreiten mutig vorwärts durch die Nacht
Durch die Nacht, die lang zwar dauert, endlich doch dem Morgen weicht,
Einem Morgen , dessen Sonne ewig strahlt und nie erbleicht.

Ihren nahen Anfang kündet überall der Lerchen Ton ,
Auf den Bergen , in den Tälern lausct das Volk der Arbeit schon .
Bei dem rüst’gen Sohn der Esse fehlt der Mann des Pfluges nicht;
Beide reichen sich die Hände, und ihr leuchtend Auge spricht :

Mögen unsre Feinde wüten , mögen Not und Tod sie drohn
Noch im Elend , noch im Tode sprechen ihrem Grimm wir Hohn .
Eine Sache, deren Dienst wir solche Helden fallen sahn,
hemmen keine Ordnungsschergen mehr auf ihrer Siegesbahn !

E. Krüger
in Sturmvögel

D: Poesie und Prosa ohne Musik | Lieder | 1871