Viro Major – An Louise Michel

Du sahst das maßlose Gemetzel, den Kampf,
Das Volk ans Kreuz geschlagen, Paris auf seinem Schmerzenslager,
Und ungeheures Mitleid war in deinen Worten;
Du tatest das, was große Seelen tun, außer sich;
Und müde des Kampfes, des Träumens, des Leidens,
Sprachst du: – ich habe getötet! – denn du wolltest sterben.

Schrecklich und übermenschlich gabst du falsch Zeugnis wider dich.
Judith, die düstre Jüdin, Aria, die Römerin,
Sie hätten deinen Worten Beifall gezollt.
Du sprachst zum Volk: – ich brannte die Paläste nieder! –
Verherrlichtest, die man zugrunde richtet und mit Füßen tritt.

Du riefest: – ich habe getötet! So töte man mich! –
Und die Menge lauschte der stolzen Frau, die sich selbst bezichtigte.
Du schienst dem Grabe Küsse zuzuwerfen;
Schwer auf den bleichen Richtern wog dein fester Blick,
Und, gleich den düstren Eumeniden, träumtest du.

Der bleiche Tod stand hinter dir.
Der ganze Saal war erfüllt von Entsetzen,
Denn das blutende Volk haßt den Krieg unter Bürgern.
Diese Frau lauschte den wirren Geräuschen des Lebens,
Herab von unbeugsamer Weigerung Höhe.

Nichts schien sie zu verstehen als den Pranger,
Errichtet zu einer Apotheose;
Voll Würde schien ihr die Schmach, voll Schönheit die Strafe,
Und finster eilte sie dem Grabe zu.
Die Richter murmelten: – Sie sterbe! Das ist gerecht,

Denn ruchlos ist sie! – „Sie wäre denn göttlich“,
Sprach ihr Gewissen. Und nachdenklich ob ja, ob nein,
Wie zwischen Klippen, blickten im Zögern die Richter
Auf die unbeugsame Schuldige.

Und alle, die, wie ich dich all des unfähig wissen,
Was nicht heroisch und voll Tugend ist,
Die wissen, dass, wenn Gott dich fragte: “Woher kommst du?“
Die Antwort wäre: ich komme aus der Dunkelheit des Leidens;
Mein Gott, ich komme aus der Pflicht, die du zu einem Abgrund machst!

Alle, die deine geheimnisvollen und sanften Verse kennen,
Deine Tage, deine Nächte, deine Mühen,
Deine Tränen, die du für alle gabst,
Das Vergessen deiner selbst in der Hilfe für den Anderen,
Deine Worte gleich den Flammenreden der Apostel;

Alle, die das Haus ohne Feuer, ohne Luft, ohne Brot,
Das Feldbett kennen mit dem Tisch aus Tannenholz,
Deine Güte, deinen Stolz einer Frau aus dem Volke,
Die herbe Rührung unter deinem Zorn,
Den langen, Hasserfüllten Blick auf alle die Unmenschlichen,
Die Kinderfüße, die du mit den Händen wärmtest;

Sie alle, Frau, voll Andacht vor deiner ungezähmten Größe,
Nicht achtend des bittren Zugs um deinen Mund,
Nicht achtend des teuflischen Verfolgers, der,
Dir ständig auf den Fersen,
Alle Empörung des Gesetzes ins Gesicht dir schlug,
Nicht achtend deiner unheilvollen, lauten Stimme, die dich anklagt,
Sie alle sahn durch das Medusenhaupt
Den Widerschein des Engels.

Du warst erhaben, seltsam fremd diesem Gericht,
Denn, armselig wie sie sind,
Verwirrt die Lebenden hienieden
Nichts mehr als zwei verschmolzene Seelen,
Als das göttliche Chaos gehirnentrückter Dinge
Am Grunde eines unerbittlich großen Herzens,
ein Götterlicht in einem Höllenfeuer.

Victor Hugo, Dezember 1871
Nachdichtung eines noch unbekannten Verfassers

D: Poesie und Prosa ohne Musik | Lieder | 1871