Die Mauer der Erschossenen

Pariser Kommune 1871

Die Mauer der Erschossenen steht, steht schweigend,
Stein über Stein geschichtet, jeder ein Gesicht.
Ein jeder: steingewordenes Blut,
dem Blut des Volks ein Zeichen.
Die Mauer der Erschossenen spricht:

„Ich bin das Blutmal der Kommune. Wenn das Grab
Noch eine Stimme hat, so diese: Bruder, hört:
Ich lebe weiter, Stein — und schleife blank den Stahl
Der einst die Fäulnis dieser Welt durchfährt!

Ich bin das Blutmal der Kommune. Einen Schatz
Von Blut und Leid berg ich in meinem Stein.
Die Mauer der Erschossenen wacht.
Sie wacht gewaltig in die Zeit hinein.

Ich bin das Blutmal der Kommune. Bruder, trauert
Nicht mehr um mich! Sinkt nicht ins Knie!
Ich stehe noch, wenn längst zerfallen ist die Mauer
Und ruf euch zu im Kampf: Wir — oder sie!“…

Die Mauer atmet, und die brüchigen Ziegelsteine
Verwandeln sich in lebend Fleisch und Blut.
Gestalten wachsen aus der Mauer: Brüste, Beine
Und Haupt um Haupt, umflammt von der Kartätschen gelber Glut.

Die Mauer wächst. Wächst in die Tiefe, in die Breite.
Schon werden Reihen sichtbar, Hand in Hand.
Sie flüstern noch, dann sind es grelle Schreie —
Ein Menschenberg, der finster in die Höhe schwankt.

Der Horizont wirft jetzt ein zündend Leuchten
Nach vorn: da stehen sie millionenweis:
erstochen, füsiliert —
Millionenweis: in lebenslanger Haft
gemartert und gemeuchelt…
Und sieh: der Menschenberg —
er wälzt sich donnernd los. Marschiert!

Johannes R. Becher, 1926

D: Poesie und Prosa ohne Musik | Lieder | 1926