Das Volk erhob sich

Das Volk erhob sich und gewann
Die große Schlacht im Monat März.
Es amnestierte euch sofort
Das Volk besitzt ein gutes Herz .

Es hat gehungert nach wie vor
Berührte nicht das Gold der Bank
Es krümmte euch kein einzig Haar ;
Im Mai empfing es euren Dank

Ein schnapsberauschtes Heer, wofür
Verrat die Straße frei gemacht,
Hat unter eurem Sporne dann
Zehntausendfachen Mord vollbracht.

Zehntausendfachen Mord ? O nein !
Viel mehr als das, indessen kennt
Das Heuchlerwort man allgemein ,
Womit man solches Würgen nennt.

Kein Weib war sicher und kein Kind,
Und nicht des Greises Silberhaar ;
Kein einzig Alter, kein Geschlecht
Verschonte die Banditenschar.

Und wer der Metzelei entrann ,
Den schleppte man vor’s Standgericht,
Wo sein Geschick besiegelt ward,
Denn ein Erbarmen gab es nicht.

Am Richtertische saßet ihr,
Vom Mord die Hände blutig noch,
Im Henkermantel eingehüllt,
Der grauenhaft nach Leichen roch .

So saß’t ihr da und sprachet “Recht”
Es war ein teuflisch höhnend Spiel –
Indem die braven Kämpfer ihr
Bestimmtet als der Kugeln Ziel

Und euer Urteil ward vollstreckt
Durch sklavisch- hündisches Getier.
Zum Schlächterplatze ward Paris ,
Ein pandämonisch Mordrevier.

Dann kam der Pfahl von Satory,
Transport und Kerker und Exil;
Der Preßkosaken Lügenflut ,
Das Hetzen ohne Maß und Ziel

Das Eigentum , das in Gefahr,
War wieder frei – in Diebeshand.
Der Himmels- und der Weltgensdarm
Regierten wiederum das Land .

Da jauchzten eure Metzen auf;
Die Pfaffen dankten ihrem Gott,
Mit Wonne sah der Bourgeois
Das Schiff der „Ordnung“ wieder flott.

Aufs Neue tanzt um’s gold’ne Kalb
Der Gründertroß , die Rentnerschar,
Es keucht im alten, harten Joch
Der hungerbleiche Proletar.

So, hofft ihr, wird es immer sein :
Für euch das Gold, der Arbeit Blei.
Die „beste aller Welten ” nennt Ihr
schamlos solche Tyrannei.

Indessen eure Sicherheit
Erleidet manchen harten Schlag ;
Gar böse Zeiten Künden euch
Den kommenden Vergeltungstag .

In Rußland schlug die Bombe ein ;
Revolver knattern hier und da :
Es blitzt der Dolch in Erin’s Hain ;
Das Ungewitter ist euch nah .

Das ist kein bloß lokaler Sturm ;
Das ist der große Völkerkrieg ,
Der diesem Wetterleuchten folgt;
Der große Kampf, der volle Sieg.

Erstaunt nicht, wenn die Rache dann
Wie Disteln eure Köpfe mäht.
Es ist die Frucht der roten Saat,
Die ihr im Mai habt ausgesä’t

Johann Most
in Sturmvögel

D: Poesie und Prosa ohne Musik | Lieder | 1875