Bankenlied

Wir sind entlassen!
Jetzt ist’s so weit,
Liebe Leut,
Wir ziehn auf die Banken
Revidieren die Kassen!

Wenn man mal keine Arbeit hat,
Dann kann man durch die ganze Stadt
Wie ein entsprungner Sträfling bummeln.
Kein Bissen Brot! Kein Tropfen Bier!
Und unsre Magenwände trommeln
An jeder Bäckerladentür!

Wir sind entlassen!
Jetzt ist’s so weit …

Den Vorrat hält die Not besetzt
so geht es nicht mehr weiter jetzt
Den kleinen Kindern knurrt der Magen.
Was nun? Und alle Mütter schrein:
Wir können nicht unsern Jöhren sagen:
Ich hab nichts! Ihr müsst artig sein!

Wir sind entlassen!
Jetzt ist’s so weit …

Kein Groschen mehr! Man trägt sein Kleid
Aufs Leihamt „Zur Barmherzigkeit“:
Und kann bei Mutter Grün kampieren·
Wenn man das letzte Hemd auszieht,
Was nützt da alles Lamentieren,
Da gibt kein Kaufmann mehr Kredit!

Wir sind entlassen!
Jetzt ist’s so weit …

Es scheint fast, daß die Handelsherrn,
Bankhäuser und Fabrikskonzern
Den gleichen Spruch im Munde führen.
Sie machen gern und schlicht Bankrott,
Die Ärmsten ? ach, es ist zum Rühren!
Könnt’ ich’s nur auch tun, lieber Gott!

Wir sind entlassen!
Jetzt ist’s so weit …

Ist’s nicht die einzige Moral, –
Als letzte Rettung endlich mal
Die Existenzen umzukrempeln?
Das macht mit Geld und Fraß sich breit,
Um Proletarier abzustempeln
Als Klasse der Enthaltsamkeit!

Wir sind entlassen!
Jetzt ist’s so weit …

Jedoch, auf daß die Rechnung stimmt,
Ist’s nötig, daß man Einblick nimmt,
Wo sie ihr Kontobuch verschließen,
Damit ihr mal die Herren seht,
Die wir in Freuden leben ließen,
Wenn’s uns schon an den Kragen geht!

Wir sind entlassen!
Jetzt ist’s so weit …

Der alte Staat verstand sich fein
Auf Steuern und auf Zwangsanleihn
Bei allgemeiner Riesenpleite
Jetzt machen wir die Zwangsanleihn.
Und unsere Republik wird heute
Die Schuld auf unsre Art beleihn!

Wir sind entlassen!
Jetzt ist’s so weit …

Originaltext: J. B. Clement, Paris-Montmartre 1884
deutsche Übersetzung: Walter Mehring

Randbemerkung des Dichters: 1848 brachten die Arbeiter der Republik das Opfer einer drei Monate währenden Misere, nur um den Männern der provisorischen Regierung, Zeit zu geben, sich einzurichten und ihnen Arbeit zu geben.

Zwei Monate später vergalt man ihnen ihre Anhänglichkeit an die Republik und ihre übermenschlichen Opfer durch Massaker in den Straßen von Paris.

Seit vierzig Jahren warten nun die arbeitenden Schichten der Republik, dass die jeweiligen Herren an der Spitze sich endlich dazu bequemen, sich mit ihrer Notlage zu befassen. Auf die Notschreie, die der Hunger ihnen abpresst, hat ihnen die Regierung ständig durch Anwendung von Militär— und Polizeigewalt geantwortet.

Die Regierenden setzen ihren Parlamentarischen Kleinkram fort und sehen zu, wie die Situation sich täglich verschlimmert. Aber sie mögen sich in Acht nehmen: Die Arbeiter könnten es endlich müde werden, zu hungern und vergeblich hinherzupendeln zwischen Streiks und Werkstätten, da man ihnen dort keine Arbeit gibt.