Vive la Commune

Zur 25jährigen Gedächtnisfeier

Nun hebt euch aus den Gräbern heut,
nun hebt euch aus der Gruft
Und schleudert euren Racheschrei hin in die Märzenluft,
Erhebt ihn neu, den alten Ruf — den Ruf so frei, so kühn,
Der eure Dränger einst erschreckt — den Ruf:
Vive la Commune!“

Heil euch, ihr toten Communards!
Heil euch an diesem Tag,
Da eure Hand mit jähem Ruck die Eisenfessel brach,
Da eure Faust das Schwert ergriff,
zu Kampf und Tod bereit,
Da ihr das Banner aufgepflanzt
der wahren Menschlichkeit!

In wilden Wehen lag Paris: —
Das Kaiserreich zerschellt,
Die Republik ein Beutestück polit’scher Lebewelt
Das arme Volk geknechtet schwer,
bedrückt und ohne Macht —
Das hat in euren Herzen heiß
des Zornes Glut entfacht.

Als dann in jener Märzennacht die Soldateska kam
Und, gänzlich zu erniedern euch, euch die Kanonen nahm,
Als man euch heimlich überfiel
mit Blut und Brand und Mord —
Da war es voll, der Sünden Maß
da riß der Zorn euch fort!

Da habt die Barrikaden ihr gezogen um Paris,
Da habt ihr mit entschloßner Hand
gewendet rasch den Spieß
Vertrieben habt ihr nach Versailles
die ganze Frevlerbrut
Und nahmt das Kleinod eures Lands in eure eigne Hut.

Und alles, was nach Freiheit rang,
das jauchzte zu der Tat,
Verwirklicht sah sein Ideal das Proletariat,
Errichtet schien das neue Reich des wahren Brudertums,
Das weder Herrn noch Knechte kennt —
das Reich des ewigen Ruhms.

Doch alles, was der Freiheit Feind,
das fluchte eurer Tat,
Das sah in ihr den Untergang vom eignen Herrenstaat
Ein wilder Schreck durchfuhr sie all,
und jeder Groll entschwand,
Und die sich kurz zuvor zerfleischt,
die reichten sich die Hand.

Und auf das neugeborne Reich, das so Gefahr verhieß
Auf das der Fesseln ledige, rebellische Paris,
Auf das Panier, das keck im Wind geflattert blutigrot
Ließ seine wilden Scharen los der Mordgeselle Tod.

Da zog’s heran von Süd und West,
da regte sich’s im Nord,
Da züngelte und lauerte rings um die Stadt der Mord,
Da lieh die Zunge der Verrat, da ging die Bestie frei,
Da walzte geil die Ordnung sich in Blut und Barbarei.

Gestritten habt ihr wie die Leun,
gerungen wie ein Held,
Und Greis und Bube, Mann und Weib
hat sich zum Kampf gestellt,
Ihr habt dem Tod ins Aug geschaut
und habet nicht gezagt
Ihr habt vergossen euer Blut
und habt nicht drum gefragt.

Euch winkte Lorbeer nicht und Sold
nicht Schmeichelei und Lohn,
Euch winkte Pulver nur und Blei und Deportation,
Euch winkte nur der Ketten Last
und bittere, herbe Schmach,
Wenn eure Sache, hehr und hoch,
im Kampfe unterlag.

Ihr habt gestritten wie die Leun,
doch ward euch nicht der Sieg,
Zu ehrlich führtet ihr den Kampf,
zu menschlich ihr den Krieg,
Erschlagen habt ihr wohl im Streit —
gemordet habt ihr nicht,
Ihr wurdet auch an eurem Feind
nicht zum gemeinen Wicht.

Die Ordnungsbestie schonte nicht, sie würgte ohne Wahl,
Sie folterte die Opfer noch zu Tode voller Qual,
Sie hat sich wild im Blut berauscht,
bis sie beinah verreckt,
Und sich für alle Ewigkeit besudelt und befleckt

So grausam ist ein Tiger nicht,
als diese „Christen“-Brut,
So gierig ist kein Steppenwolf
nach warmem Menschenblut
So tückisch die Hyäne nicht,
die Aas und Leichen heischt,
So feig kein Hund als wie Versailles,
da’s die Kommune zerfleischt

Die Ordnung siegte! Zeugen sind vieltausend, stumm und tot,
Gefilllt von blutiger Henkershand, gemeuchelt ohne Not;
Die Ordnung siegte! Zeugnis gab uns der Galeere Bord
Und Kaledoniens Fieberaun mit dem „humanen“ Mord.

Am Pere Lachaise, bei Satory — da modern sie im Grund,
Da schloß mit einem letzten Fluch
sich mancher bleiche Mund,
Da ballte sich so manche Faust im letzten Todeskampf,
Da brach zusammen eure Kraft im blauen Pulverdampf.

So zahlreich war das Leichenheer,
so mächtig stank das „Aas“,
Daß selber Kalk und Feuer nicht die Leichendüfte fraß
Aus Angst, aus purer, bleicher Angst vor Cholera und Pest
Habt ihr zuletzt vom Massenmord
verschont der Kämpfer Rest.

Und immer noch zieht durch das Land
ein fader Leichenduft,
Den bannen Kalk und Feuer nicht,
den bindet keine Gruft,
Der kommt auch nicht vom Pere Lachaise
und nicht von Satory —
Der kommt von deinem eigenen Ich,
hochedle Bourgeoisie!

Du faulst schon bei lebend’gem Leib,
verbreitend eitel Stank,
Du bist an Herz und Hirn und Blut
unheilbar siech und krank,
Es frißt an dir die Korruption
und zehrt an deinem Mark,
Durchseucht bist du vom Kopf zum Fuß —
und warst doch einst so stark.

Sie aber, die du einst im Mai geschlachtet ohn Erbarm
Sie stehen neu in Jugendkraft und blasen zum Alarm
Es streckt das Proletariat die Hand nach deiner Macht
Und du, du tönerner Koloß, kannst stürzen aber Nacht.

Umsonst die sinnlos wilde Wut, umsonst die Raserei
Umsonst Verleumdung, Lug und Trug,
umsonst das Hohngeschrei —
Aus Blut und Opfern neu erstand das Proletariat
Und stürzen wird’s mit starker Hand
den morschen Klassenstaat.

Aufbauen wird’s ein neues Reich des wahren Brudertums,
Das weder Herrn noch Knechte kennt,
ein Reich des ewigen Ruhms,
Und ob sich auch im wilden Schwall
der Haß dagegen bricht
Wie einstens gegen die Kommune —
verschlingen wird er’s nicht!

’s wird ruhen wie auf Felsengrund,
das neue, bessre Reich,
Wo alle Menschen Brüder sind und alle Menschen gleich;
Das tritt das alte Erbe an, das ihr umsonst erstrebt —
‚So habt ihr nicht umsonst gekämpft
und nicht umsonst gelebt!

Drum Heil euch all‘, ihr Communards!
Heil euch an diesem Tag,
Da eure Hand mit jähem Ruck die Eisenfessel brach
Da eure Faust das Schwert ergriff,
zu Kampf und Tod bereit,
Da ihr das Banner aufgepflanzt der wahren Menschlichkeit!
Nun hebt euch aus den Gräbern heut
und hebt euch aus der Gruft
Und schleudert euren Racheschrei hin in die Märzenluft,
Erhebt ihn neu, den alten Ruf, den Ruf so frei, so kühn,
Der heute noch Tyrannen schreckt — den Ruf:
Vive la Commune!

Ernst Klaar, 18. März 1896

D: Poesie und Prosa ohne Musik | Lieder | 1896