Testament des Kommunarden

DAS TESTAMENT DES KOMMUNARDEN

Was hofft ich denn, als riesig die Idee
Aufstieg in meinem Hirn von jenem Rechte
Das nur dem Volke hat gehört von je
Und sich vererbt untilgbar im Geschlechte:
Zu sein sich selbst der König und die Macht
Zu wiegen gleich im Rate und vorm Feinde
Als Brüder all zu stehen auf der Wacht
Fürs hochste Gut, die Freiheit der Gemeinde!

Was hofft ich denn, als ich begeistert trat
Vors Forum mit dem Donnerkeil der Rede,
Als ich Verwegner schwur dem Klassenstaat
Herab von der Tribüne Haß und Fehde!
Als ich vor meinen Worten sah erglühn
Die jubelnden, die leichtbewegten Massen,
Zum Dulden stets und Lieben stark und kühn,
Doch immer, ach, so feig und schwach zum Hassen

Was hofft ich denn, mit deinem Blut und Schweiß
Du armes Volk, am heil’gen Werk zu fordern
Als um die Metropole weit im Kreis
Gelagert sich ein Heer von trunknen Mördern
Als der Verrat durch deine Reihen schlich
Und als des Landes Feind mit deinen Häschern
Zum unnatürlichen Pakt verbünden sich
Den letzten Wall der Freiheit einzufischern?

Was hofft ich noch? Da galt nur Zahn um Zahn
Nur Blut um Blut, da galt kein Flehn um Gnade!
Die Kugeln pfiffen — Würger, kommt heran! —
Ich stand allein noch auf der Barrikade — —
Sie stürmen — oh, der Laut ist menschlich nicht
Das heult nach Mord wie wutgereizte Tiere —
Ich sinke, doch getreu der letzten Pflicht
Noch haltend fest am roten Schlachtpaniere

Hoff ich denn noch? Im Feld von Satory
Wie ein Verbrecher steh ich hier am Pfahle — —
Was zitterst du, entmenschte Despotie?
Was bebt ihr feigen Bürgertribunale? — —
Ich hoffe, ja! Ihr Memmen, daß ich’s kann,
Habt ihr verraten mir mit eurem Zittern!
Ich hoffe, ja, einst tritt an euch heran
Der Tag des Zorns gleich Sturm und Ungewittern!

Ich hoffe — und dies sei mein Testament —
Das Blut der Besten floß hier nicht vergebens;
Ich hoffe — nein, ich weiß: der Stachel brennt,
Zertretnes Volk, dir bis ins Mark des Lebens.
So dulde schweigend, bis der Rächer ruft,
Und träume knirschend fort von Kampf und Leichen;
Kein Wind verweh des Brandes scharfen Duft,
Und keine Hochflut tilg des Mordes Zeichen!

In deiner Holden Qualm und Gift und Kot
Bewahr von diesen Tagen das Gedächtnis,
Und gehst du betteln nackt um Trost und Brot —
Eins bleibe dein: das blutige Vermächtnis.
Verrat es nicht, es ist ein edles Gut
Und deiner Söhne Schatz und heilig Erbe
Auf daß durch sie einst die Banditenbrut
Den gleichen Tod als büßend Opfer sterbe!

Doch mit euch Henkern sei bei Tag und Nacht
Der bleiche Schrecken vor der Kinder Rache
Daß ihr die Väter stumm und still gemacht
Verewige den Fluch auf eurer Sache.
0 triumphiert nicht, sicher reift der Kern
Des grimmen Hasses bis zum Tag der Sühne — —
“Chargez!” — Zielt gut, ihr Knechte eurer Herrn —
Adieu Paris, et Vive la Commune!

Verfasser (Übersetzer) unbekannt, um 1874
in Sturmvögel (1888)

D: Poesie und Prosa ohne Musik | Lieder | 1874