Nacht — den Himmel säumen Sterne (Zum 18. März)

Nacht — den Himmel säumen
Sterne, fahl and matt.
Wie in Fieberträumen
Zuckt die Riesenstadt
Sieht sie im Frührot gleißend
Feindliche Waffen sprühn?
Klingt es dazwischen verheißend:
Vive la Commune!

Lautlos ziehn die Legionen
Thiers‘, des Schlächters, heran
Nehmt dem Volk die Kanonen!
Lautet sein tückischer Plan.
Schon erliegen die schwachen
Wächter nach kurzem Mühn
Da, die Massen erwachen:
Vive la Commune!

Brausend wie Meereswellen
Naht das Proletariat,
Schnell zueinander gesellen
Arbeiter sich und Soldat.
Fort mit dem Haß, dem Wahne
Siehe, vom Stadthause kühn
Flattert die rote Fahne:
Vive la Commune!

Tag des Zorns, des Ruhmes,
Der die Ketten brach,
Proletariertumes
Stolzester Siegestag!
Proletarier künden:
Wohlfahrt soll allen erblühn,
Die dem Volk sich verbünden:
Vive la Commune!

Kurzer Glücksrausch — verraten
Sinken die Sieger im Streit,
Doch der Ruhm ihrer Taten
Rauscht in die fernste Zeit,
Wo geknechtete Herzen
Für die Freiheit glühn,
Jauchzt es am Achtzehnten Märzen:
Vive la Commune!

Wenn die Massen richten
Einst am heiligen Tag,
Wenn das Alte vernichten
Sturm und Wetterschlag,
Wenn sie siegen mitsammen
Alle, die frei und kühn,
Wird der Ruf sie entflammen:
Vive la Commune!

Martin Drescher, um 1906

B2: Deutsche Lieder - noch zu vertonen | Lieder | 1906