Märzblüten

Saht ihr im März die Wasser schwellen
Hoch oben in Gebirgeshöhn?
Saht ihr in tosenden Gefällen
Sie in die Täler niedergehn,
Wo dann die Flut sich trotzig bäumte
Empor an ihrem Uferrand
Und endlich brausend überschäumte
Hinaus, hinab ins weite Land?

So schwoll vor sechsundzwanzig Jahren
Des Volkes Zorn im deutschen Reich
Da plötzlich ein Zusammenscharen
Es wuchs das Heer lawinengleich
Es wuchsen auch die Barrikaden
Rasch auf den Straßen von Berlin
Und die das Volk getäuscht, verraten
Sie suchten zitternd zu entfliehn

Die Regimenter mußten weichen
Bald vor des Volkes Übermacht
Und hundert Proletarierleichen
Hat man vors Königschloß gebracht
Wie ächzte da in allen Fugen
Das Gottesgnadentum so bang
Beim Volke mußt es Gnade suchen
Die Rettung vor dem Untergang

Des Königs stolzes Haupt sich senkte
Vor dem erschossnen Proletar
Und seine Krone wiederschenkte
Ihm dann die schnell versöhnte Schar
Sie glaubte nicht, es könne trügen
Ein Konigsschwur, ein Königswort
Und nahm — nach ihren schönen Siegen
Nur ihre Toten mit sich fort

Drum ist kein Herbst gefolgt dem Lenze
Der hier dem Volke hat gelacht —
Statt Sieges- wurden Totenkränze
Der jungen Freiheit dargebracht
Und wieder in dem alten Gleise
Bewegte sich der Zeiten Lauf
Man legte in gewohnter Weise
Dem Volke alle Lasten auf

Doch endlich durch des Krieges Toben
Aus seinem langen Schlaf geweckt
Hat es aufs neue sich erhoben
Und seine Arme ausgereckt
Habt ihr gehört die Ketten fallen
Am Herd des Aufruhrs, in Paris?
Saht ihr das rote Banner wallen,
Das eine neue Zeit verhieß?

Die neue Zeit, wo Lüge nimmer
Die freie Wahrheit fälschen kann,
Wo nicht des Goldes Glanz und Schimmer
Den Schurken macht zum „Ehrenmann“.
Wo nicht die einen sich umgeben
Mit allem, was die Erde beut,
Indes die andern durch das Leben
Gehn ewig ohne Glück und Freud

Ha, rühmt ihr euch mit kecker Miene
Ihr Schergen, daß ihr sie besiegt?
Ermordet habt ihr die Kommune
Allein besiegt habt ihr sie nicht.
Das ist kein Sieg, wenn ihr ihn führet
Den Feind, gefesselt vor die Gruft
Und, wenn ihr „Feuer!“ kommandieret
Vive la Commune!“ er höhnend ruft

O glaubt, unsterblich sind Ideen,
Wenn auch den Kämpfern brach das Herz,
Und nicht vergebens sind geschehen
Die großen Taten einst im März.
Des Märzes Stürme fliegen sausend
Dem Frühling der Natur voran —
Es künden Ungewitter brausend
Auch einen Völkerfrühling an!

Max Kegel (1874)

B2: Deutsche Lieder - noch zu vertonen | Lieder | 1874