Hymne an Paris

Heil dir, Paris!
Du herrliche, herrschende, ragende Stadt
Du Licht der Welt
Das alles rings erhellt
Du Herz der Welt
Das heiß für alle geschlagen hat —
Heil dir!

Du hast deine flammenden Strahlen gesandt
Die Freiheit zu künden
Die Welt zu entzünden
Zu loderndem Brand
Von dir aus gingen
Die großen Gedanken,
Die alles ins Schwanken
Und Wanken gebracht
Du hast vertrieben die finstre Nacht
Du hast zertrümmert, was morsch und schlecht
Du hast gepredigt ein neues Recht
Und geboren ein neues Geschlecht

Heil dir, Paris!
Du hast für die ganze Welt geblutet
Wenn’s heiß durch deine Adern geglutet
In mörderischer Straßenschlacht.
Du hast dich selber zum Opfer gebracht
Wider der Knechtschaft Übermacht
Und nicht die Rache der Sieger bedacht
Selbstlos, von Liebe und Haß entflammt
Hast du verrichtet dein hohes Amt
Vorkämpferin der Freiheit zu sein

Heil dir, Paris!
Nicht Gram noch Schmerz
Konnte brechen dein großes Herz.
Was man dir auch geraubt —
Du hast nur weinend verhüllt dein Haupt
Und weiter an deine Mission geglaubt
Weder des Kampfes Mordgewühl
Weder Verbannung und Exil
Weder der Füsilladen Geprassel
Noch der Kerkerketten Gerassel
Hat dich, du Hehre, zurückgeschreckt.
Wie man dich auch mit Schmach bedeckt —
Du hast dich aufs neue emporgereckt,
Rein und unbefleckt,
Und hast der Freiheit Banner aufgesteckt

Heil dir, Paris!
An deinem Ehrentag,
Da zürnend du getilgt die Schmach,
Die man dir angetan,
Der Freiheit Freunde dir in Ehrfurcht nahn,
Zu huldigen dir.
Wir nahn im Frührotsglanz
Mit einem Lorbeerkranz,
Und flatternd weht im Wind ein rot Panier.
Und an der Kämpfer Gruft
Klingt’s in die Morgenluft
Umbrausend wie ein mächtiger Orkan:
Heil dir, heil dir, Paris!
Das Blut und Leben ließ
Für Recht und Freiheit und für Volkerglück.
Voran! voran! und weiche nie zurück.
Heil dir, Paris! Wir folgen deiner Bahn!

Eduard Fuchs, 1896

D: Poesie und Prosa ohne Musik | Lieder | 1896